1,10 Vorwort, Einführung

Josef Heckerott
Im Jahre 1975 machte ich mit meiner Familie zum ersten Mal in Südtirol Urlaub. Es war eine Liebe auf den ersten Blick und so verbrachte ich in den folgenden Jahren in der Regel einen Sommer- oder Winterurlaub im Land der Alpen und Dolomiten, an Eisack, Etsch und Rienz, in den südlichen Gefilden um den Kalterer See und vor allem in den wunderschönen Tälern und Seitentälern rund um das Sella- und Grödnerjoch. Aber nicht nur die landschaftlichen Schönheiten Südtirols haben mich beeindruckt und bis heute nichts von ihrer Faszination verloren, auch die Menschen Südtirols, ihr außergewöhnliches Schicksal und die Art und Weise, wie sie es gemeistert haben, veränderten mein Leben und weckten ein großes Interesse für die Probleme von Volksgruppen, Kleinvölkern und Minderheiten im übrigen Europa.


Seitdem bin ich den Fragen nachgegangen, was die Begriffe Volk, Volkstum, Ethnie, Staat, Nation, Kulturgemeinschaft, Volksgruppe, Minderheit – um nur die wichtigsten zu nennen – denn bedeuten und wie unterschiedlich sie in der Vergangenheit oft definiert wurden. Vor allem aber beschäftigte mich die Frage nach einer Zukunftslösung für Minderheiten in einem zusammenwachsenden Europa.

Dazu habe ich seitdem umfangreiche Literatur studiert, aber auch Reisen in andere Regionen Europas unternommen, um vor Ort die jeweils besonderen Probleme ethnischer Minderheiten kennen zu lernen. Konzentriert habe ich mich dabei auf deutsche Minderheiten in den Nachbarstaaten, auf alte und neue Minderheiten in Deutschland, aber auch auf Völker ohne eigenen Staat wie Friesen, Ladiner, Bretonen, Katalanen, Sorben um nur einige zu nennen.

Eine neue Dimension bekam das Thema nach dem Wendejahr 1989 in Ost- und Mitteleuropa und vor allem durch den Zerfall der Sowjet-Union und Jugoslawiens mit den bekannten folgenreichen Konflikten. Viele Menschen im Westen, vor allem linke Intellektuelle, waren völlig überrascht über den neuen Aufbruch des Nationalen, den man meinte bereits überwunden zu haben. Dadurch rückten auch Konfliktherde im Westen – wie Nordirland, das Baskenland und Korsika – wieder in den Blickpunkt.

Neben diesen negativen Ereignissen kann man aber die fortschreitende Einigung Europas in der Europäischen Union als großes Hoffnungszeichen nicht übersehen. Inzwischen sind nun 27 europäische Staaten in dieser Gemeinschaft vereint und mit weiteren werden Aufnahmeverhandlungen geführt. Auch wenn wir heute noch weit davon entfernt sind, den Integrationsprozess als abgeschlossen oder gar vollendet betrachten können, so kann man sicher feststellen, dass es kein Zurück zu alten nationalstaatlichen Zwistigkeiten mehr gibt und somit weiter an diesem Friedenswerk gebaut werden muss. Dabei dürfen aber nicht nur die Interessen der Nationalstaaten im Blickpunkt stehen sondern auch die der Volksgruppen und Minderheiten. So heißt es z. B. in der Charta der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV):

….Es gibt in Europa über 300 europäische Minderheiten und jeder 7. Europäer gehört laut wissenschaftlicher Schätzungen einer autochthonen Minderheit an.

Die Bedürfnisse und Herausforderungen dieser Gemeinschaften sind von Land zu Land äußerst unterschiedlich. Es gibt sehr gute Modelle zum Ausgleich zwischen Minderheiten und Mehrheiten in Europa und einige Staaten erkennen die Existenz ihre autochthonen Minderheiten erst gar nicht an.

Die europäischen Minderheiten fordern mehr Gehör in ihren Regionen, den Staaten und auf europäischer Ebene. Dafür fehlt noch der politische Rückhalt und die Anerkennung der kulturellen, wirtschaftlichen und intellektuellen Leistungen der europäischen Minderheiten. …


Mit meinen Beiträgen habe ich vor allem folgende Ziele:
  • Die oft wenig bekannten Volksgruppen und Minderheiten in den Staaten Europas vorzustellen und auf ihre jeweils besonderen Probleme aufmerksam zu machen, insbesondere aber einen mindestens EU-weiten, möglichst europaweiten einheitlichen Rechts-Standard anzumahnen. 
  • Die Inhalte der diffus gebrauchten Begriffe wie Volk, Nation, Volkgruppe, nationale Identität u. a. zu klären und Vorschläge für einen europaweit einheitlichen Inhalt zu unterbreiten[1]
  • Eine Vision für eine künftige europäische Union aufzuzeigen, die sich endgültig vom Nationalstaat alter Prägung verabschieden und ihren kleinen und großen Völkern und Volksgruppen den Rahmen für ein friedliches und erfolgreiches Miteinander gewährleisten sollte.



[1] Martin Stegu: „Europäische Mehrsprachigkeit und plurale Identität: neue Aufgaben für die angewandte Linguistik“ in "Sprachenpolitik in Mittel- und Osteuropa" S. 126:  Wenn alle wüssten, dass niemand im Besitz der absoluten Wahrheit sein kann, weder was die Verwendung von Begriffen, noch was die Ausgestaltung von Methoden und Theorien betrifft, wenn alle wüssten, dass alle unsere Meinungen nur Konstruktionen sind, müssten sich – so ist meine Hoffnung – die meisten Auseinandersetzungen eigentlich anders abspielen. In letzter Konsequenz und auf eine Kurzformel gebracht: Man tötet nur wegen Wahrheiten, nicht wegen Konstruktionen.

Kommentare:

  1. Danke für ihr Engagement!

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  2. Respekt für ihr Engagement! Es fällt ihnen ein bisschen Wissen über Wolynien Deutschen und dessen Vertreibung, die schon viel früher begonnen hatte, als sie es berichten. Nicht erst im August 1941, sondern schon im August 1936. Zumindest erzählte mir das meiner Mutter, die damals 19 Jahre alt war und wurde mit ihrer Familie nach Kasachstan vertrieben. Schade, dass es die Augenzeugen schon längst von uns gegangen, sie konnten uns noch viel mehr von der Geschichte erzählen.
    Mit freundlichem Gruß
    Milla Dümichen

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